Komfort über den Dächern von Sarstedt: Heinz-Georg Hartmann ist zufrieden mit seiner Wohnung im Argentum.
08. November 2013

„Ein Schmuckstück für die Kreiswohnbau“ – und zwar in Gold

Wohnanlage Argentum eingeweiht / Bewohner steuern alles vom Tablet aus / Pilotprojekt hält kalkulierte Kosten fast ein

Komfort über den Dächern von Sarstedt: Heinz-Georg Hartmann ist zufrieden mit seiner Wohnung im Argentum.

Sarstedt (ph). Draußen wartete der Ochsenbraten, drinnen erklangen Lob und Komplimente: Die Kreiswohnbau hat gestern ihre neue seniorengerechte Wohnanlage Argentum an der Hildesheimer Straße eingeweiht, ein Pilotprojekt in mehrfacher Hinsicht. Von einem „Schmuckstück“ sprach etwa Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Bruer.

 

25 Wohnungen gibt es in dem Neubau, 23 davon sind vermietet, auch an prominente Sarstedter wie Heinz-Georg und Irene Hartmann. Ihnen überreichte Bruer einen Gutschein für ein Bingo-Spiel als Gemeinschaftseinrichtung und wünschte einen „spannenden Start in den neuen Lebensabschnitt“.

 

Im Jahr 1998 waren 23,6 Prozent der Sarstedter über 60, derzeit sind es schon 27,8 Prozent, berichtete Bürgermeister Karl-Heinz Wondratschek. Vor den Senioren im Argentum warb er für den Bürgerpark, 120 Vereine, viele Veranstaltungen, das Innerstebad und den Wochenmarkt. Landrat Reiner Wegner begrüßte, dass der Kreis vor ein paar Jahren darauf verzichtet habe, seine Kreiswohnbau zu verkaufen. Man könne mit ihrer Hilfe sehr vieles positiv gestalten, bezahlbaren und guten Wohnraum schaffen. Wegner spielte auf den Namen des Gebäudes an, Argentum (lateinisch-Silber) und sagte: „Das ist nicht nur Silber, sondern auch Gold.“ Von einem „Leuchtturm-Charakter“ des Projektes sprach Heiner Pott, Verbandsdirektor der Niedersächsisch-Bremischen Wohnungsbauunternehmen. Der Neubau biete ein „Rundum-sorglos-Paket“ und liege auf der Linie der Kreiswohnbau, deren Geschäftsführer Matthias Kaufmann „immer an der Spitze marschiert, wenn es um etwas Neues geht.“

 

Alexander Jüptner, Fachberater Hausnotruf beim Landesverband der Johanniter- Unfallhilfe, erklärt das auf den Einsatz von Tablets mit neuer Datentechnik gestützte System des Hauses. Hier sei es erstmals gelungen, die Ergebnisse jahrelanger Forschung und Entwicklung in die Praxis umzusetzen. Das meinte auch Alexander Büxenschütz, Leiter Pflege/AAL bei der Deutschen Telekom. Hier werde sich zeigen, wie die Technik im Alltagsleben helfen könne, wichtig bleibe aber „die Mensch-zu-Mensch-Betreuung,“ für die die Johanniter-Unfallhilfe stehe. Barrierefreiheit, das Service-Angebot und Angebote für ein Gemeinschaftsleben der Bewohner – das seien die drei wichtigsten Punkte für ihn bei diesem Projekt, berichtete Geschäftsführer Matthias Kaufmann. Nach Fertigstellung könne man durchaus stolz auf das Erreichte sein. Gerade wegen der massiven Kritik an deutschen Großbaustellen fügte er hinzu: 3,7 Millionen Baukosten habe man kalkuliert, 3,8 Millionen seien es am Ende geworden, „eine finanzielle Punktlandung“. Von den 140 000 Euro EU-Mitteln stehen noch rund 100 000 Euro bereit, die für die Förderung von Gemeinschaftsaufgaben bestimmt sind. Kaufmann forderte die Mieter auf, an diesem Konzept mitzuarbeiten.

 

Kaufmann dankte der Stadt für eine unbürokratische und schnelle Änderung des Bebauungsplans, den Anliegern für Verständnis angesichts „14 Monaten Lärm und Dreck“ und den Partnern Telekom und Johanniter, dass sie „mit uns gemeinsam auf die hohe See gegangen sind“.

 

Per Touchscreen schaltet Nadine Abmeier auch die Glühbirne an und aus. Sie betreut die Bewohner des Argentums. Fotos: P. Hartmann

In der Wohnanlage bekommen alle Mieter ein Tablet, mit dem sie die Haustechnik steuern können. So kann man vom Frühstückstisch aus das Badezimmer aufheizen oder Jalousien öffnen und schließen. Zusätzlich bietet das Tablet die Möglichkeit, mit anderen Hausbewohnern zu kommunizieren, etwa Termine abzusprechen, man kann Zeitung lesen (auch die Hildesheimer Allgemeine), es gibt eine Kalender-Funktion, die zum Beispiel an Geburtstage oder Arzttermine erinnern.

 

Man kann das einfach zu bedienende Gerät auch so einstellen, dass es zum Beispiel an die fällige Tabletten-Einnahme erinnert. Weitere Funktionen, zum Beispiel Einkaufen per Computer, sind in Arbeit. Nadine Abmeier von den Johannitern betreut die Hausbewohner. Sie ist fünf Stunden täglich vor Ort, weist in die Bedienung des Mini-Computers ein. In Notfällen außerhalb ihrer Dienstzeit läuft der Alarm beim Hausnotruf der Johanniter-Unfallhilfe auf.

 

Ein zentraler Schalter am Eingang macht die ganze Wohnung stromlos – dadurch werden Unfälle, etwa durch Bügeleisen oder Herde, vermieden.

 

Zukunftsmusik erklingt

Es muss natürlich Englisch sein: AAL steht für „Ambient Assisted Living“ und meint selbstbestimmtes Leben durch technische Hilfe. Ein bisschen Zukunftsmusik zu diesem Thema konnte man gestern bei der Einweihung von Argentum hören. Denn Alexander Büxenschütz, Leiter Pflege/AAL bei der Deutschen Telekom, wagte Ausblicke auf die Zukunft.

 

In Sarstedt habe man ein Pilotprojekt umgesetzt, das sich in der Praxis bewähren werde. Etwa ein Jahr Entwicklungsarbeit stecken darin, am Ergebnis sind nicht nur Informatiker und Mediziner beteiligt, sondern auch Künstler, die die Tablet-Oberfläche gestaltet haben. Nun werde man testen, ob die Menschen damit klarkommen. Die Telekom arbeite aber schon an weiteren Projekten. So könne man sich vorstellen, sogar bettlägerigen Patienten, die beatmet werden müssen, die Intensivstation zu ersparen.

 

Die Überwachung der Patienten könne aus der Ferne erfolgen, bei Problemen werde dann Alarm geschlagen. Eine andere mögliche Produktlinie sei die Betreuung von Patienten mit beginnender Demenz. Ihnen werde man eine Tages-Navigation anbieten, die die erforderliche Sicherheit biete.

 

Die Telekom arbeitet auch an Projekten, die man als „intelligenten Notruf“ beschreiben könnte. Mithilfe von Videokameras könnte man den Bewohner quasi ständig im Auge behalten. Die Software erkenne dann zum Beispiel, wenn sich jemand in der Wohnung bewegt. Bei Abweichungen, wenn etwa jemand stürzt und neben dem Tisch auf dem Boden liegt, könnte das System nach einer Nachfrage beim Bewohner Alarm schlagen. Hier allerdings, bekannte Büxenschütz, bewege man sich schon auf einer „Gratwanderung zwischen Komfort und Sicherheit“. (ph)

 

Quelle: Sarstedter Anzeiger der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung, 08. November 2013

Veröffentlicht unter 2013